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In: „Aspekte der Globalisierung“ Band 1, Stand: September 2020

Hinweise zur Aktualisierung

Der Beitrag „‘Tödliche Hilfe‘ oder ‘Eine Bank für die Armen‘ “ erschien 2010 in „Aspekte der Globalisierung“ (Band 1). Unterrichtliches Ziel war es, anhand eines sog. armen Entwicklungslandes (Bangladesch) mit zahlreichen naturräumlich und entwicklungspolitisch hemmenden Hindernissen zwei Persönlichkeiten darzustellen, die mit ihrem jeweiligen Wirken etwas Symptomatisches zeigen: Brigitte Erler, idealistisch und engagiert von außen (Europa) kommend und auf Grund ihres Berufes scheinbar genau wissend, wie Hilfe funktioniert; sie scheitert jedoch mit allen Projekten und bewirkt sogar das Gegenteil dessen, was sie eigentlich wollte. Und Muhammad Yunus, ein hochgebildeter Wirtschaftsprofessor, der alle ökonomischen Theorien als wertlos erkennen muss und nun von innen, genauer von unten, nämlich von den Armen, grundlegend neu lernt und mit einer zukünftigen Idee von einer ganz anderen Bank Millionen von Menschen eine soziale und ökonomische Entwicklung ermöglicht.

Im Blick auf die große Finanzkrise, zahlreiche aktuelle Bankenskandale und einzelne Fehlentwicklungen der Globalisierung bleiben diese beiden biographischen Beispiele weiterhin aktuell. Ihre Behandlung im Unterricht kann in vieler Hinsicht erkenntnisfördernd sein.

Nun hat es nach Drucklegung des Beitrags (2010) weitere Entwicklungen gegeben. Auch gab es Kritik an Yunus sowie grundsätzlich an dem Konzept der Mikrokredite. Dazu sollen deshalb hier einige ergänzende Hinweise folgen (Stand: 2020). Sie sind bewusst knapp gehalten; denn das Thema Mikrokredite (oder umfassender: Mikrofinanzierung) hat inzwischen weltweit ein gewaltiges Ausmaß genommen und entsprechend vielfältige Literatur gezeitigt.

Zur Person Muhammad Yunus

Im Jahr 2006 bekam Muhammad Yunus den Friedensnobelpreis. Dies bewirkte, dass sein Konzept der Mikrokredite und die Grameen-Bank – obwohl es schon vorher erfolgreiche Kreditprojekte gegeben hatte – als das Mittel der Armutsbekämpfung weltweit gefeiert wurden und Yunus zu einer Art Wundertäter, ja sogar Heiliger stilisiert wurde. Das weckte – natürlich – Neider und bald auch Gegner, besonders im eigenen Land. Mit einer offenbar politisch motivierten Kampagne aus Kreisen der Regierung setzte man ihn als Leiter der Grameen-Bank kurzerhand ab mit dem Argument, dass er ja mit seinen 71 Jahren das offizielle Pensionsalter schon um mehr als 10 Jahre überschritten habe und es nicht vorgesehen sei, dass jemand, wie Yunus es tat, eine Bank 28 Jahre lang führe. Die politischen Ränke hinter den Kulissen sind kaum zu durchschauen. Die Regierung hat jedenfalls fünf Jahre nach der Verleihung des Nobelpreises 2011 seine Entlassung erzwungen.

Yunus reist nun um die ganze Welt, hält Vorträge und berät interessierte Kreise, aber nicht nur zum Thema Mikrokredite. Er hat sich inzwischen ganz dem von ihm entwickelten Wirtschaftskonzept „Social Business“ verschrieben, einer neuen Art von Unternehmen, das soziale und ökonomische Probleme anders lösen will, nämlich ohne gewinnmaximierend persönliche Profite der Eigentümer und Anteilseigner erzielen zu wollen. Es wirtschaftet nachhaltig und reinvestiert Gewinne ins eigene Unternehmen (siehe: Literaturhinweise).

Drama in Indien

Im Jahr 2010 verbrannten sich in Indien 54 Frauen, weil sie – laut Presseberichten – ihre aufgenommenen Mikrokredite nicht abbezahlen konnten. Die Kreditgeber waren allerdings keine gemeinnützigen Institutionen, sondern gewinnorientierte Banken. Mit Drückerkolonnen gewannen sie – oft mit falschen Versprechungen – zahlreiche Kunden, ohne auf deren Bonität zu achten. Die Werber bekamen pro erfolgreichem Abschluss eine Provision. Konnten die Kunden die hohen Zinsen nicht bezahlen, bekamen sie den Druck der Banken zu spüren, und oft ging es dabei um die nackte Existenz.
Diese furchtbaren Schicksale warfen vielfach in der oft nicht sehr differenziert formulierenden Berichterstattung in Europa ein generell schlechtes Licht auf das Konzept der Mikrokredite, das in dieser pauschalen Form jedoch nicht zutreffend ist.

Profitorientierung statt Entwicklungshilfe?

Zurzeit gibt es (laut Wikipedia) weltweit geschätzt etwa 70.000 sog. Mikrolender und 150 – 200 Millionen Bezieher von Kleinkrediten mit einem Finanzierungsvolumen von etwa 70 Milliarden US-Dollar, und zwar nicht nur in sog. Entwicklungsländern, sondern auch in Europa und auch in Deutschland. Entscheidend für eine Beurteilung ist der Zweck des Mittels Mikrokredit: Weil die Rückzahlungsquote der Kleinkreditnehmer offenbar sehr viel höher als bei normalen (größeren) Krediten ist, entdeckten viele Banken dieses Konzept als neues Geschäftsmodell. Aber nicht, um Entwicklungshilfe zu leisten und deshalb bestimmte Bedingungen an die Kreditvergabe zu knüpfen, sondern als rein profitorientiertes Geschäft. So wurden viele dieser Kredite nicht für einkommenssichernde Investitionen verwendet, sondern für den Konsum (Essen, Elektronik etc.). Der Bank war dies egal; sie erzwang die Rückzahlung, auch wenn der Kreditnehmer dazu nicht in der Lage war und deshalb seine Existenz verlor.

Ein äußerst bedrückendes negatives Beispiel ist die mexikanische Banco Compartamos, die mit mehr als 100 Prozent ausbeuterischem Jahreszins sogar 2007 an die Börse ging und damit Hedgefonds auflegte. Sie arbeitet ausschließlich gewinnmaximierend (siehe: Kreiß / Splettstößer).

Zinsen

In einzelnen Presseberichten wurden – oft ohne genaueres Verständnis – die scheinbar hohen Zinsen für die gegebenen Mikrokredite kritisiert.

Die Grameen-Bank verlangt für einen Basiskredit (für Investitionen) 20 Prozent nominalen Jahreszins. Für uns in Deutschland klingt das beunruhigend! Doch ist zum einen der Arbeitsaufwand der Bank bei so vielen kleinen Krediten sehr viel kostenintensiver (auch in Deutschland: vgl. die Überziehungskredite von 11 – 13 Prozent) als bei wenigen großen Krediten. Und zudem ist es oft die einzige Möglichkeit in Bangladesch, ohne die üblichen Geldverleiher überhaupt einen Kredit zu bekommen. Die verlangen nämlich 10 Prozent, allerdings pro Woche! Das entspricht einem Zinssatz von über 14.000 Prozent pro Jahr. In anderen Ländern (z.B. Philippinen) gibt es noch dramatischere Beispiele.

Neben diesem Basiskredit (für eine zukunftsfähige Investition) bietet die Grameen-Bank auch flexible Kredite, Hauskredite für 8 Prozent, Bildungskredite für 5 Prozent und sogar sehr kleine Kredite für Bettler für null Prozent an.

Eine sehr aufschlussreiche Studie dazu haben Kreiß / Splettstößer erstellt (siehe: Sozialimpulse 3/2014), in der die pauschale Kritik an der Zinspolitik der Mikrokredite differenziert entkräftet wird und ausführlich die Compartamos Bank in Mexiko als abschreckendes Gegenbeispiel analysiert wird (siehe: Literaturhinweise).

Entwicklungspolitik

Laut verschiedener Quellen sind in den letzten 50 bis 60 Jahren weit mehr als zwei Billionen Dollar von den sog. „reichen“ in die sog. „armen“ Länder geflossen und oft durch Korruption als Hilfe versandet, wenn sie nicht an bestimmte Bedingungen geknüpft wurden.

Dabei ist das Konzept der Mikrofinanzierung, wie es heute erweitert genannt wird (mit Mikrokrediten sowie Versicherungen und Altersvorsorge, beides neu in der Kultur der Entwicklungsländer) weiterhin und sogar verstärkt ein wesentliches Mittel einer erfolgreichen Entwicklungspolitik.

Das Jahr 2005 wurde übrigens von der UNO-Generalversammlung als „Internationales Jahr der Kleinstkredite“ ausgerufen!

Literaturhinweise:

Christian Kreiß / Jochen Splettstößer: Mikrokredite – Für die Ärmsten der Armen Fluch oder Segen?
In: Sozialimpulse 3/2014 (S.14 – 21)
(Das gesamte Heft ist im Netz verfügbar. Der Artikel ist auch geeignet für ein Referat, besonders für begeisterte Zinsrechenmeister).

Reinhard H. Schmidt (im Interview): „Mikrokredite sind kein Ausweg aus der Armut.“
In: Brand eins, 2011 (Archiv)

Jonas Nonnenmann: Mikrokredite – verteufelt sie nicht.
In: Frankfurter Rundschau 13.1.2012

Muhammad Yunus: Social Business. Von der Vision zur Tat. Hanser Verlag, München 2010

Muhammad Yunus: Ein anderer Kapitalismus ist machbar: Wie Social Business Gütersloh 2018